Über – Die Zettelwirtschaft
An vielen Laternen in vielen Städten das ewig gleiche Bild: Wohnungsgesuchabreisszettel.
Bringt das was? Wer ruft an? myWohnhome heute mit dem Start eines Selbstversuchs.
Superreisszettel me – Ein Fortsetzungsdrama.
Frankfurt, Schopenhauerstrasse. Bereits von weitem sind die bezettelten Laternen zu erkennen. Eingeschnitten zu mundgerechten Stücken an einem Ende hat der Ersteller sie mit Klebeband an die Strassenbeleuchtung gebannt. “Hängt hier für Ewigkeit”, möchte man ihnen noch zurufen, doch zu uniform, oftmals orthografisch von zweifelhafter Güte und leider häufig von wenig ansprechendem Design, wird diesem Ausruf die Umsetzung verwehrt.
Getreu dem Motto: Kennste zwei, kennste alle, scheinen sich hier im Laufe der Wohnungssuchzettelevolution zwei dominante Designs entwickelt zu haben:
Variante # 1 – Was bin ich?
Entgegen der gleichnamigen Sendung von Robert Lembke, die vielen noch bekannt sein dürfte, wird hier der Leser des Zettels nicht lange im Zweifel gelassen, mit wem er es zu tun hat.
Im Gegenteil!
Die Umschreibung der eigenen Person, die häufig nur aus dem erreichten Ausbildungsniveau und Alter (“Dipl. Betriebswirt (43)”) besteht, wird ergänzt durch stabilitätssuggerierende Attribute zu den privaten und/oder beruflichen Lebensumständen. Gern genutzt sind hier z.B. “verheiratet”, “in Festanstellung” oder “solvent”. Alternativ natürlich auch noch gerne angereichert mit Charakterzügen, die zwar vermutlich bei fast jedem Jobinterview jenseits des Sozialbereich tödlich wären, hier aber zum Erfolg führen sollen (“ruhig”, “unauffällig”, “humorvoll”).
Nachgelagert, unscheinbar und geradezu durch die Hintertüre (wir reden ja immer noch von Immobilien), betreten dann die Suchkriterien die Szenerie.
Nach bisher eher subjektiven und nicht repräsentativen Eindrücken, ist diese Variante wohl das Mittel der Wahl im Mietbereich.
Variante # 2 – Wo will ich hin?
Selbstbewusster und gleichzeitig zurückhaltender kommt das zweite Design daher.
Hier wird die eigene Person zunächst zurück- und statt dessen die (Immobilien)wünsche des Verfassers in den Vordergrund gestellt.
Gesucht wird also die 1|2|3|4+ Zimmerwohnung mit 70 bis 150 m² Wohnfläche, Balkon|Terrasse|Garten|Stellplatz und was das Herz des Wohnungssuchenden ansonsten noch erfreut für (idealerweise) geschenkt bzw. bis x € kalt.
Der Suchende lässt Contenance walten und stellt eine, dem Design #1 angelehnte, Umschreibung seiner selbst hinten an. Man soll ja – trotz aller Zurückhaltung – wissen, mit wem Mann oder Frau es zu tun hat.
Anders als Variante #1 ist mein Eindruck, dass diese Variante etwas häufiger beim Kauf von Immobilien anzutreffen ist.
Kein Schwein ruft mich an?!
Ich hab mich oft gefragt: Ruft da jemand an?
Also, ich meine, ruft dort jemand ausser Maklern an?
Die Frage hat mich in der Tat so sehr beschäftigt, dass ich mehrmals kurz davor war, in die Primärforschung einzusteigen, zum Hörer zu greifen und eine eigene Erhebung zu starten.
Wenn – als bestmöglicher Vergleich – der Rücklauf von firmeninternen “von privat” Foren herangezogen werden kann, dürfte der Umsatz in Gesprächsminuten recht übersichtlich und der Erfolg (leider) bescheiden sein.
Der Selbstversuch
Nun, fangen wir an, wie immer: Ich suche eine Wohnung!
Und da ich bei dieser Suche (fast) nichts unversucht lassen möchte, war klar: Früher oder später wird “Zettelwirtschaft 2.0” gestartet.
Nun sind ja die skizzierten Resultate nicht unbedingt ermutigend, was ein solches Unterfangen angeht. Da dieser Blog bzw. die Suche aber für mich auch eine gewisse “Spielwiese” darstellt, gilt hier eher: “Der Weg ist das Ziel”.
Seit einiger Zeit interessiert mich das Thema virales Marketing und in gewisser Weise, folgt ja auch dieser Blog dem Ansatz der Verbreitung einer Nachricht (wobei – zugegeben – die Absichten recht deutlich auf dem virtuellen Tisch liegen). Auf die Zettelwirtschaft übertragen war somit die Idee: Zu werben, ohne zu werben oder wenn schon Werbung, dann wenigstens nicht ein weiterer langweiliger und vor allem offensichtlicher Lampenabreisszettel.
Versuch #1 – Friedberger Markt – Frankfurt Nordend – 1. April 2011
Aus dem oben umschrieben Anspruch der “subtilen” Botschaft und der nicht ganz so offensichtlichen Suche, entstand im ersten Versuch dieser Flyer:
Mit dem Design in einer Mischung aus Understatement und Purismus (das klang einfach so schön), wurden im Rahmen des beliebten freitäglichen Markts am Friedberger Platz während des regen Treibens verschiedene Stehtische mit diesem Flyer von mir bestückt. Den Rest, so meine Hoffnung, sollte die Neugierde der Leute richten.
Der Erfolg? Was soll ich sagen? Ein Wort: Desaströs!
Nun gut, die Ziele waren nicht hoch gesteckt, aber das…? Mit genau 1 (in Worten: Einem) Klick, kann man Versuch #1 somit ohne Untertreibung getrost als gescheitert zu den Akten der Immobiliensuche legen.
Es ist in gewisser Weise auch müßig darüber zu philosophieren, ob es nun am Design, der Lokation, dem mangelnden Interesse oder sonstwas lag. Wir wissen zwar alle, dass Katzen Whiskas kaufen würden, daraus zu schlussfolgern, dass auch andere Leute ähnlich neugierig wie ich sind, ist dann wohl doch etwas zu kurz gesprungen.
Fakt ist: Die Suche über die Zettelwirtschaft geht also in die nächste Runde! Und es wird zumindest ein paar Änderungen geben.
Gerne teilt mir Eure Erfahrungen und Anmerkungen mit. Warum hat es nicht geklappt? Habt Ihr selbst schon was “angezettelt”? Wie lief’s bei Euch?
Darum schaltet auch wieder ein, wenn ihr mich schreiben seht:
Ich suche eine Wohnung – holt mich hier raus!
Euer Joerg

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